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Chilling Adventures of Sabrina

Chilling Adventures of Sabrina

Im Oktober 2018 stellte Netflix „Chilling Adventures of Sabrina“ online – ein Remake der Serie „Sabrina the Teenage Witch“, die 1996 in den USA (und 1998 in Deutschland) startete. Oder auch: eine neue Interpretation der „Sabrina the Teenage Witch“ Comic Bücher, die seit den 1960ern vom Verlag Archie Comics herausgegeben wurden.

Was ist bei der neuen Serie gleich, was ist anders, was ist besser und was ist nicht so gut gelungen?

~ Achtung, es folgen wie immer Spoiler ~

Die Hexenwelt der 90er

Sabrina the Teenage Witch (Link zur Serie bei IMDB) war in den 1990ern eine meiner lieblings Serien. Und eine der vielen Sitcoms, die meine Nachmittage nach der Schule gefüllt haben. Ich mochte Sabrina Spellman (Melissa Joan Hart), die bei ihren Tanten Zelda (Beth Broderick) und Hilda (Caroline Rhea) lebte, nachdem sich Sabrinas Eltern getrennt hatten. Sabrina war eine gewöhnliche Jugendliche: unsicher, witzig, mit durchschnittlichen teenage Themen beschäftigt wie Schule, Freund*innen, Familie, erste Dates, bla. Zusätzlich hatte Sabrina magische Kräfte, von denen sie erfuhr, als sie 16 Jahre alt wurde und die sie von da an langsam weiterentwickelte. Beim Zaubern wurde sie von Zelda und Hilda angeleitet – oder meist eher herausgeboxt, weil Sabrina irgendwelche Zaubersprüche falsch benutzte oder unerlaubt benutzte, was dann ein riesiges Chaos nach sich zog. Ein großartiger Charakter war Salem, der Kater der Familie. Zudem war er ein Zauberer, der zur Strafe für seine bösen Taten als Katze eingesperrt im Spellman Haus leben musste. Die kultig schlechten Animationen, wenn Salem gesprochen hat, waren für mich immer ein Highlight der Serie.

Das Setting von 2018

In Chilling Adventures of Sabrina (Link zur Serie bei IMDB) sind Sabrinas (Kiernan Shipka) Eltern bei einem Unfall gestorben, wobei immer wieder angezweifelt wird, ob dies wirklich nur ein Unfall war. Während die 90er Jahre Teenage Witch Serie in Boston der damaligen Jetztzeit spielte, spielen die Chilling Adventures in Greendale. Also in der Nähe des Orts Riverdale – eine weitere Serie, die Netflix aus einer alten Archie Comics Geschichte neu erzählt (Link zu Riverdale bei Netflix). Die Zeit, zu der die Chilling Adventures spielt, scheint mir dabei nicht ganz klar. Es gibt im Alltag der Charaktere kein ständiges Internet oder Computer. Die Musik, die gespielt wird, ist meist aus den 60ern. Dann taucht irgendwann plötzlich doch ein Smartphone und andere neuere Dinge auf – und das, nachdem in der Szene davor noch schwarze Telefone mit altmodischen Kabeln benutzt wurden. Die Rolle von Salem wurde nun aufgeteilt in eine nicht-sprechende Katze namens Salem und einen im Haus gefangenen Menschen namens Ambrose (Chance Perdomo).

Die Geschichte von Sabrina the Teenage Witch

Soviel erstmal zu den grundlegenden Unterschieden. Die Sabrina the Teenage Witch Serie aus den 1970ern habe ich nie gesehen, und ich hab auch keine der vielen Comics über Sabrina gelesen. Eine genauere Übersicht über die frühern und späteren Comics sowie die verschiedenen Fernsehserien bietet zum Beispiel dieses Youtube Video:

Fröhliche Hexenwelt vs. düstere Teufelsanbetung

Bereits von der Stimmung her sind beide Serien sehr unterschiedlich. Sabrina the Teenage Witch war eine fröhliche Sitcom. Selbst die schlimmsten Zaubersprüche hatten etwas witziges oder charmantes an sich. Und wenn Sabrina in Schwierigkeiten war und ein zerknautschtes Gesicht machte, war das einfach süß und putzig. The Chilling Adventures of Sabrina dagegen ist ein supernatural Drama. Es wirkt tatsächlich sehr wie die aktuelle Riverdale Serie (Link zu Riverdale bei IMDB). Aus der Zeit entrückt, düster, melancholisch (nice!). Und mit Teenagern die wirken und sich verhalten, wie die nervigsten Erwachsenen (anstrengend!). Hinzu kommt, dass ich mit der Chilling Adventures Sabrina einfach nicht warm werde, im wahrsten Sinne. Sie wirkt so unterkühlt, so selbstherrlich, so unfähig dazuzulernen, und zwar über das gewohnte Maß von Teenagerdarstellungen hinaus.

In den Chilling Adventures sind auch Zelda (Miranda Otto) und Hilda (Lucy Davis) sehr düster und geben ihrer Nichte Sabrina praktisch nie die wichtigen Informationen. Als Sabrina sich nicht dem Hexenkult Church of Night unterwerfen will, versucht Zelda sie zu zwingen. Die beiden Tanten helfen Sabrina ohnehin nur sehr willkürlich bei ihren Problemen. Meist ist Zelda mit sich und dem Hexenkult beschäftigt, und Hilda ist hin- und hergerissen zwischen hilfloser Freundlichkeit gegenüber Sabrina und Verbundenheit zu ihrer mächtigen Schwester. Nicht einmal Hilda und Zelda haben ein besonders gutes Verhältnis zueinander. Hilda litt jahrhundertelang unter der Folter durch ihre ältere Schwester und auch heute sind beide selten einer Meinung. Es gibt kurze, nette Momente von Verbundenheit zwischen den beiden, meist in den größten Krisen, aber eigentlich bestehen diese auch nur daraus, dass sich Zelda ihrer Einsamkeit bewusst wird und Trost bei ihrer Herkunftsfamilie sucht.

Die Hexenwelt und the Church of Night

Bei Sabrina the Teenage Witch wurde das „andere Reich“ (die Hexenwelt) meist als lustige Parallelwelt voller Überraschungen dargestellt, deren Eingang sich im Wandschrank der Spellmans befand. Dagegen befindet sich bei Chilling Adventures of Sabrina das Reich der Hexen nicht in einer eigenen Sphäre. Es ist teilweise im dunklen, nebligen Wald verborgen, aber auf jeden Fall direkt überlagert mit der Welt der Sterblichen. Die Übergänge sind fließend. Die Church of Night, die Welt des Dark Lords (also des Teufels, den alle Hexen anbeten) ist dunkel, grausam und blutig. Sowieso fließt oft Blut, es übergeben sich Menschen und Hexen, es gibt Morde und Folter.

Der offizielle Trailer der Serie deutet all das bereits an:

Feminismus neben sexistischen Klischees

Sabrina the Teenage Witch war auch in den 90ern eine feministische Serie – also, so feministisch wie eine mainstream Serie in den 90ern halt sein konnten. Und auch in den Chilling Adventures hat Sabrina starke Statements: Sie gründet nicht nur einen feministischen WICCA Club in ihrer Schule gegen Bullying. Sie lehnt es außerdem ab, dem Hexenkult des Dark Lords beizutreten mit der Begründung, dass nur sie selbst über ihren Körper bestimmen dürfe. Ziemlich cool. Leider gefolgt von einer stereotypen „Mädchen flieht halbnackt durch den dunklen Wald“ Trope, die sich immer wieder durch die ersten Folgen zieht.

Generell erscheinen mir die Charaktere in den Chilling Adventures als recht sexualisiert. Nach den ersten paar Folgen der ersten Staffel dachte ich schon: Wenn ich noch ein einziges mal Sabrina in seidener Unterwäsche gezeigt bekomme (komplett willkürlich und meist im dunklen Wald mitten in der Nacht), schalte ich einfach aus. Zum Glück haben sie dann damit aufgehört. Doch es scheint auch unabhängig von Sabrina ständig eine sexuelle Ebene mitzuschwingen, und besonders wenn es um den Coven (den Hexenzirkel) geht. Irgendwie auch ‘passend’: das Bild der sexuell befreiten Hexen, die deshalb gefährlich sind. Entsprechend diesem Klischee werden auch die Art von Beziehungen, die Hexen führen und die Sterbliche führen als sehr unterschiedlich beschrieben. Hexen/Hexer: Leidenschaft, Sex, poly. Sterbliche Menschen: ewige Liebe, Romantik, monogam. Das wird allerdings auch nicht ganz konsequent durchgehalten.

Patriarchale Kirchenstrukturen

Bei Father Blackwood, der oberste Priester des Covens und somit Stellvertreter des Dark Lords hatte ich aufgrund seiner gruselig-sexualisierten Darstellung ständig die Erwartung, dass er körperliche Grenzen anderer Menschen überschreitet und sexuell übergriffig handelt, was er dann auch oft tat. Entsprechend darf er auch entscheiden, ob seine Frau geeignet ist, die Mutter seiner Kinder zu sein, darf er eine Affäre mit Zelda haben, darf er bestimmen, ob eine Hexe stirbt oder nicht, und so weiter. Klare Hierarchien. Es erinnert sehr an traditionell patriarchale Kirchenstrukturen. Und die Rhetorik von Father Blackwood erinnert an die schreienden, dabei eher peinlich wirkenden (wenn sie nicht so gefährlich wären), christlich-religiösen FanatikerInnen.

Vorhersehbare Tode und Tropen

Sehr schade und wie ich finde überflüssig war der Tod von Jesse – dem vermutlich schwulen/transgender (undefiniert bzw. nur durch Anspielungen markiert) Onkel von Susie, einer sterblichen Freundin von Sabrina. Erst von einem Dämon besessen, dann davon befreit, dann umgebracht von der nächsten Dämonin Lilith. Seufz. Dieselbe Lilith bringt später einen „jungfräulichen“ Jungen als Opfer für den Dark Lord. Die Serie lässt kaum ein Klischee aus. So auch die “mean girls” Trope wenn Sabrina von drei anderen Mädchen an der Hexenschule gequält wird. Das löst sich dann im Verlauf der 1. Staffel zwar ein wenig auf, aber bis zum Schluss fehlt mir tatsächliche Solidarität zwischen Frauen. Hexen. Irgendwem. Aber ich habe noch ein wenig Hoffnung darauf, dass Sabrina ihre Freundinnen Roz und Susie in Zukunft noch mehr anvertraut. Mit ihnen könnte endlich eine solidarische Gruppe entstehen.

Und bevor ich es vergesse: die Storyline, als Sabrina Tommy (den Bruder von boyfriend Harvey) nach dessen Tod wieder zum Leben erweckt – ernsthaft? Hat hier niemand Friedhof der Kuschltiere gelesen oder geguckt? In welcher Welt kann so eine Aktion gut enden??

Lichtblicke: Vielfältigere Charaktere als früher

Immerhin: Die Chilling Adventures of Sabrina zeigt viel diversere Charaktere als Sabrina The Teenage Witch damals. So gibt es People of Color und genderqueere Personen als wichtige, feste Charaktere der Serie. Ganz im Gegensatz zur typisch weißen 90er Jahre Sabrina-Serie. Ambrose, der Cousin von Sabrina, ist witzig, selbstbewusst, intelligent, abwägend, sarkastisch, und ein*e queer PoC. Dann die mutige Roz aka Rosalind Walker (Jaz Sinclair), in deren Familie die Frauen alle irgendwann ihre Sehkraft verlieren, dafür dann aber Visionen bekommen. Außerdem sehr schön: Tante Hilda wird von Lucy Davis gespielt, die die Sekretärin im 2017er Film Wonder Woman war (Link zu Wonder Woman bei IMDB).

Eine enge Freundin von Sabrina, Susie (Lachlan Watson), ist genderqueer oder vielleicht enby oder trans. Es gibt auf jeden Fall vielversprechende Anspielungen. Lachlan Watson sagte dazu in einem Artikel über Chilling Adventures of Sabrina in GayStarNews: “Susie is female on the show (for now) so yes they are referred to as she/her. But I try to use they/them whenever I speak about Susie just bc I believe she/her would make Susie a tad uncomfy! But their pronouns will be changing very very soon :)”

Fazit

Die neue Serie Chilling Adventures of Sabrina ist ganz unterhaltsam, aber so richtig warm wurde ich mit ihr nicht. Andererseits habe ich mit Riverdale auch dieses Problem; alles zu glatt, zu künstlich, zu oberflächlich. Der ständige sexuelle Unterton der Church of Night hat mich angestrengt und ihre patriarchalen Strukturen mit dem schreienden Priester an ihrer Spitze sowieso.

Immerhin wurde die Story von der weißen cis Darstellung der 90er auf diverse Charaktere gehoben, das ist schön und wichtig. Allerdings ist nach wie vor die Heldin weiß, cis, hetero. Tatsächlich hätte ich sehr Lust auf eine Serie mit Susie, Roz und Ambrose in den Hauptrollen. Okay, Hilda dürfte auch mitspielen.

Bildrechte des verwendeten Fotos: Pixabay

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