Januar 17

The Danish Girl – ein Kunstfilm schwimmt auf der Transwelle

danishgirlWenn ich ins Kino gehe, versuche ich vorher möglichst wenig über den jeweiligen Film zu lesen, damit ich nicht schon mit einer bestimmten Haltung hinein gehe. So auch bei „The Danish Girl“. Ich wusste lediglich die grobe Storyline um Lili Elbe und Gerda Wegener, dass Lili intersexuell war, ihre Frau Gerda bisexuell (sie wird teilweise auch als lesbisch bezeichnet) und dass Lili bekannt dafür wurde, als erste Person eine Geschlechtsoperation gewagt zu haben. Die Themen Intersexualität und ggf. Bisexualität (je nachdem, wieviel Raum Gerda im Film einnehmen würde) waren also meine einzigen Erwartungen. Beide wurden nicht erfüllt. Stattdessen wurde die Geschichte so dargestellt als wäre Lili transgender bzw. transsexuell gewesen, das sexuelle Begehren von Gerda wurde gar nicht thematisiert.

Meine Informationen zur Lebensgeschichte von Lili Elbe beruhen lediglich auf Internetquellen. Doch selbst wenn das mit der Intersexualität von ihr nicht stimmen würde, ist die Darstellung einer trans Person fragwürdig, da im Film das Bild einer doppelten Persönlichkeit gezeichnet wird. Einar Wegener (der Geburtsname von Lili) und Lili werden als getrennte Personen verhandelt. Lili möchte dies, Lili kann nicht jenes…- heißt es oft im Film, teilweise von Lili bzw Einar selbst ausgesprochen. Vermutlich gibt es Menschen, die so empfinden, aber beim Film liegt für mich die Gefahr darin, dass die Zuschauer_innen trans Menschen generell für gespaltene Charaktere halten. „Früher war sie ein Mann“ liest mensch oft, so als hätten trans Menschen ein erstes und dann ein zweites Leben. Als wären sie nicht immer schon sie selbst gewesen (was auch immer das „selbst“ für jegliche Menschen auf der Welt genau heißen mag), als ginge es nicht vielmehr um eine Frage der Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung ihrer Person und ihrer gesellschaftlichen Einordnung. Und als wäre nicht die Unterteilung von Menschen in (nur) Männer und Frauen das eigentliche Problem, das in besonderer Weise aber auch nicht nur trans Menschen betrifft.

Source Serving CinemaDer Film hatte nicht den Anspruch, sich genau an die historische Begebenheiten zu halten, auch wenn es die dargestellten Figuren alle tatsächlich gegeben hatte – habe ich gelesen. Insofern könnte mensch argumentieren, dass nun mal einige Details abgeändert wurden, der Film sich von der Geschichte entfernte, alles im Ermessen des Regisseurs Tom Hooper lag. True. Aber ich frage mich doch, wieso bestimmte Dinge gestrichen oder geändert wurden, andere aber nicht. Vieles hielt sich an der original Sotryline fest: die Namen, die Berufe, die Orte, der operierende Arzt. Gestrichen wurden vor allem Intersexualität und Bisexualität. Warum? Vermutlich, weil trans Themen zur Zeit so erfolgreich sind, Intersexualität alle nur überfordern würde und Bisexualität sowieso nicht ernst genommen wird? 2015 war das Jahr der trans Charaktere im Fernsehen und in der Öffentlichkeit. Andererseits war es auch das Jahr der unerträglich vielen trans Menschen, die umgebracht wurden, darunter vor allem Women of Color. In Film und Fernsehen verkauften sich trans Charaktere 2015 gut, besonders wenn sie im Gefängnis sitzen (Orange is the New Black), sie Mörder_innen sind (Pretty Little Liars) oder wenn sie gar nicht wirklich die Hauptrolle in ihrer eigenen Serie spielen (Transparent). Generell scheinen vor allem trans Menschen spannend zu sein, die nach ihrer Geburt als männlich definiert wurden.

Eley, Amy (206424926) MovieClips-com

Dabei spielt Eddie Redmayne die Rolle von Lili Elbe wirklich schön, er lässt sie nicht ins Lächerliche gleiten. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Das Publikum im Frankfurter Kino, in dem ich den Film sah, war da teilweise anderer Meinung und lachte an Stellen, bei denen sich mir der Magen zusammenzog. Sicherlich ist die Sicht für hetero/cis Menschen noch mal eine andere: Wenn ein trans Charakter auf der Leinwand versucht, „weiblich“ zu laufen, um zu einem Passing als Frau zu gelangen, lachen sie, weil der Mann doch wirklich zu lustig dabei aussieht, wie er versucht, sich an Geschlechterstereotype anzunähern. Ich sehe die Szene und hoffe, der Charakter wird nicht gleich zusammengeschlagen oder umgebracht.

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Veröffentlicht17. Januar 2016 von S Achilles in Kategorie "filme

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