Juli 20

Christopher Street Day Frankfurt/M 2013

// Heute mal ein Gastbeitrag der Gruppe [qfb] anlässlich des heutigen CSDs in Frankfurt/M. Erschienen >hier< //

Als sich 1969 im Zuge der „Stonewall-Aufstände“ in der Christopher Street in New York homosexuelle, transidente und andere Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprachen, gegen staatliche Willkür und Polizeiterror wehrten, ging es zunächst nicht um die Initiierung einer großen politischen Massenbewegung. Vielmehr wollten die Gays die Diskriminierung und gewalttätigen Razzien nicht länger hinnehmen und setzten sich gemeinsam gegen die Übergriffe zur Wehr. Seitdem soll in Form der CSD- bzw. LGBT Gay Pride-Paraden jährlich an die Vorkommnisse in der Bar „Stonewall Inn“ und an die daraus resultierenden Proteste zur Beendigung der systematischen Unterdrückung von queeren Menschen erinnert werden. Dies sollte unserer Meinung nach auch heute noch im Vordergrund stehen. Inzwischen ist der CSD international zur Tradition geworden und jeden Sommer in vielen Großstädten mit einem mehr oder weniger hohen politischen Anspruch vertreten.

Rechtliche und gesellschaftliche Veränderungen

Die rechtliche Lage ist heute sicherlich eine andere. So hat es die BRD vor fast 20 Jahren (1994) endlich geschafft, sexuelle Handlungen zwischen Männern nicht mehr unter Strafe zu stellen und den entsprechenden § 175 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Dies erfolgte im Zuge der Rechtsangleichung der westlichen und östlichen Bundesländer, da der Bundestag nach 1990 eine Entscheidung treffen musste, ob der § 175 gestrichen oder auf die östlichen Bundesländer übertragen wird. Dies wiederum vor dem Hintergrund, dass das faktische außer Kraft Setzen des § 175 in der DDR um einige Jahre früher erfolgte1. Sexuelle Kontakte zwischen Frauen wurden im Strafgesetz nicht erwähnt. Dies suggeriert nicht eine höhere Akzeptanz, sondern vielmehr gesellschaftliche Machtstrukturen, in denen Frauen und deren Sexualität gar nicht erst ernst genommen werden.

Die rechtliche Lage und das gesellschaftliche Ansehen queerer Menschen hat sich im Laufe der Jahre – auch mit Blick auf den Abbau von Vorurteilen – positiv entwickelt bzw. verbessert. Trotz gesellschaftlicher und rechtlicher Fortschritte gibt es allerdings gerade in der Arbeitswelt massive Probleme, z.B. dadurch, dass kirchliche Träger nicht dem Diskriminierungsverbot unterliegen, wie es im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) festgehalten ist. Im Privatleben verlaufen „Coming Outs“ zunehmend problemfreier ab, wenn auch queere Menschen um das „Coming out“ doch nicht herumkommen; im Gegensatz zu heterosexuellen Menschen, deren Sexualität als normal und natürlich gilt.

Seit 2001 können gleichgeschlechtliche Paare ihr Zusammenleben mit einer Eingetragenen Lebenspartner_innen_schaft staatlich absegnen lassen. Wir fragen uns bei der Gelegenheit: Warum sollten wir das wollen? Die Ehe ist ein schrecklich altmodisches Modell, das gut durch andere Konzepte des miteinander Lebens ersetzt werden könnte. Hier wiederum wären eine veränderte Grundhaltung und die Veränderung rechtlicher Rahmenbedingungen erforderlich.

Kritik & Visionen

Wir möchten nicht, dass bestimmte Lebensentwürfe (in diesem Fall staatlich legitimierte Zweierbeziehungen) mit Prestige und besonderen Rechten ausgestattet sind. Die staatliche Normierung von Beziehung/Ehe und deren Schutzprivilegien sind kritisch zu sehen. Eine monogame Beziehung, bestehend aus zwei Menschen, ist nur einer von vielen möglichen Lebensentwürfen. Denn eigentlich sollten doch jegliche Formen zwischenmenschlicher Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen, die im gegenseitigen Einvernehmen bestehen, als gleichwertig betrachtet werden!

Wichtig ist uns in diesem Zusammenhang auch ein reflektierter und kritischer Blick auf die Motive, die mit dem Wunsch nach Verpartnerung oder mit dem Wunsch nach Gleichstellung mit der Institution Ehe in Verbindung stehen: Geht es um die Annäherung an gleiche Rechte? Und/oder um die Anpassung an heterosexuelle Normen und vermeintliche „Normalität“? Und/oder ist es lediglich ein Akt der Notwendigkeit, um z.B. Stiefkindadoptionen umsetzen zu können?

Ist es nicht authentischer und sinnvoller, eigene Ideen und Lebensentwürfe zu gestalten, als den gesellschaftlichen Normen hinterherzurennen oder sich an reaktionären Staaten und Institutionen abzuarbeiten? Gibt es nur die Wohnformen „Pärchen“, „Single“ und „Zweck-WG“? Gibt es nur Ehe und Nicht-Ehe? Warum sollen nicht drei oder mehr Menschen öffentlich beurkundet bekommen, dass sie füreinander sorgen, „in guten wie in schlechten Zeiten“ bis dass sie sterben? Wieso sollen wir „heiraten“ (odersowasähnliches), um gemeinsam für ein Kind zu sorgen bzw. eine Stiefkindadoption umsetzen zu können? Warum nicht das Verbot der sog. „Kettenadoption“ für Lebenspartner_innen aufheben oder ihnen gemeinschaftliche Adoptionen ermöglichen? Warum nicht insgesamt ermöglichen, dass stabile Lebensgemeinschaften mit umfassenden Familien- und Adoptionsrechten ausgestattet werden? Warum sollten wir heiraten oder uns offiziell „verpartnern“, um steuerliche Vergünstigungen zu erhalten? Warum wird das Ehegatten-Splitting nicht zugunsten höherer Gleichstellung komplett abgeschafft?

Zurück zum Christopher-Street-Day 2013 ff.

Wir finden es erstrebenswert, dass sich ein CSD-Motto durch ein ganz eigenes Profil inklusive eigener politischer Forderungen, Zielsetzungen und Visionen auszeichnet und sich nicht nur an bestehenden Normen abarbeitet. Die CSD-Mottos dürfen sich daher gerne mal vom Nationalismus lösen („Einigkeit und Recht auf Freiheit“), sie müssen auch nicht ideenlos Kinderreime zitieren („Eckstein, Eckstein, musst Du noch versteckt sein?“). Und sich am Papst oder der katholischen Kirche abzuarbeiten („habemus homo“) ist auch wenig produktiv. Dass Deutschland nicht so fortschrittlich und weltoffen ist, wie mensch gerne hätte, ist genauso kein Geheimnis wie die Tatsache, dass die katholische Kirche sexistisch und homophob ist, schon immer war und wie es aussieht noch ziemlich lange bleiben wird. Wir sprechen uns übrigens auch für die Ausgrenzung aller politischen Parteien und Firmen vom CSD aus, die sich in ihrer Realpolitik nicht für die Stärkung der Rechte von queeren Menschen und anderen Marginalisierten stark machen (ja, wir meinen zum Beispiel euch, liebe Christdemokrat_innen!).

Es gibt auch in der queeren Szene andere Achsen der Ungleichheit wie z.B. Rassismus, Antisemitismus, Ableismus2, Sexismus, Homophobie und Trans*pathologisierung. So wurde in einem Frankfurter Szeneladen vor einiger Zeit das unsägliche Buch von Thilo Sarrazin ausgelegt, um – so hieß es – den „migrantischen Jugendlichen und ihren homophoben Sprüchen“ mal was entgegenzuhalten. In der Lesbenszene werden abwechselnd die zu „weiblichen“ Frauen diskriminiert (weil sie angeblich nicht wie Lesben aussehen) und dann wieder die „männlichen“ Frauen zurechtgewiesen (weil diese doch „gar nicht mehr wie Frauen aussehen“). Bi- und Pansexuellen wird immer wieder unterstellt, sie seien wohl wahllos oder einfach nur verwirrt. Und so weiter. Alles quatsch! Wir möchten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen. Auch nicht die „guten“ eheschließenden Queers gegen die „schlechten“ unangepassten Queers. Wir brauchen queerfeministische Solidarität, um die bestehenden Machtverhältnisse gemeinsam zu bekämpfen und um vielseitige Lebensentwürfe zu ermöglichen.

Unser CSD glittert ohne Grenzen, ist bunt, vielseitig und vor allem solidarisch und politisch. Jegliche Form von Diskriminierung geht uns alle an!

 — qfb / politischer Stammtisch „QueerFeministisch Biertrinken“

Hinweise:

[1] http://www.schwulst.de/content/alsschwulseinnochstrafbarwar [14.07.2013]

[2] Ableismus: Diskriminierung von Menschen mit Behinderung

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Veröffentlicht20. Juli 2013 von S Achilles in Kategorie "gastbeitrag", "local

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