queer_sehen

queer_sehen von 1990 bis heute

Dies ist die Verschriftlichung meines Vortrags im Rahmen des Science Slams am 12. Februar 2014, veranstaltet vom Institut für Kunstpädagogik, J.-W. Goethe-Universität Frankfurt am Main. Der Vortrag ist hier als Videoclip zu sehen:

In der letzten Zeit habe ich mich mit queeren Lebensentwürfen beschäftigt, und zwar in US-amerikanischen Fernsehserien im Zeitraum der ungefähr letzten 20 Jahre (ca. 1990 bis heute). Jetzt fragt man sich möglicherweise: Was heißt denn „queer“ überhaupt? Oft sieht man auch so Abkürzungen wie LGBT oder LGBTQIA oder LGBTQQIAA.

Jeder Buchstabe steht für ein eigenes Wort. Der Begriff „Queer“ zielt dabei auf zwei Ebenen ab. Zum einen bedeutet er: alles, was nicht heterosexuell ist (schwul, lesbisch, usw.). Zum anderen ist queer aber auch eine Kampfansage gegen die Heteronormativität, also die kulturell konstruierte Zweigeschlechtlichkeit.

Wenn man sich das Bild so ansieht, könnte man sich erstmal freuen und sagen: Super, in den letzten 20 Jahren ist ja wahnsinnig viel passiert in den Fernsehserien, ganz viele Identitäten wurden dargestellt. Aber wie sieht es tatsächlich aus? Lesben: ja, wurden dargestellt. Schwule: auch. Bisexuelle oder Pansexuelle: ja, ebenso. Aber jetzt wird es schon etwas schwieriger: transgender, also transidente Menschen, wurden kaum dargestellt, es gab in den letzten 20 Jahren ein oder zwei transidente Person in den Fernsehserien. Queere, also Leute, die sich der Zuordnung entziehen, gab es ebenso nur eine Person. Intersexuelle Menschen gab es gar nicht. Und asexuelle Menschen: zwei.

Warum überhaupt 1990 bis heute? Weil es Anfang der 1990er Jahre anfing, dass queere Figuren überhaupt mehr Raum einnahmen. Zu nennen ist Roseanne, bei der zwei Charaktere aufgetaucht sind, die wirklich eine Geschichte zu erzählen hatten.

In den letzten 20 Jahren sind viele Serien gelaufen, in denen queere Charaktere auftauchten, es sind ungefähr 70. Ich habe ein paar herausgesucht, die relativ bekannt sind. Die eine oder der andere kennen davon sicherlich ein paar Serien.

Und wie gesagt: Ich habe wirklich nur Figuren untersucht, die auch von Relevanz sind. Ich habe mir auch nicht alle Genres angeschaut, z. B. habe ich mir keine Zeichentrickserien angeguckt, kein Kinderfernsehen, keine Dokumentationen und kein Reality-TV. Es sind ausschließlich Serien, die die fiktive Jetztzeit abbilden, das sind meist Comedy, Drama, Fantasy, Medical und so weiter.

In den letzten 20 Jahren gab es zwei Serien, die dadurch herausgestochen sind, dass sie fast nur Charaktere abgebildet haben, die queer sind. Das eine ist Queer as Folk, da gab es hauptsächlich schwule Charaktere. Das andere ist später The L Word, da gab es hauptsächlich lesbische Charaktere. Ich habe dazu eine kleine (vorläufige!) Statistik mitgebracht, die die Verteilung der Serien der letzten 20 Jahre abbildet.

Die roten Balken sind alle Serien, die auf den untersuchten Sendern in den jeweiligen Jahren gelaufen sind, das grüne sind die Serien, in denen queere Charaktere zu finden sind. Hier sieht man ganz klar: Es gab einen ständigen Anstieg der Serien, die queere Figuren beinhalten.

Queer as Folk und The L Word haben natürlich nicht nur Begeisterung ausgelöst, sondern wurden auch stark kritisiert: Queer as Folk vor allem deshalb, weil fast nur weiße Charaktere abgebildet wurden, kaum People of Color, aber auch, weil in der Serie sehr viele Sexszenen dargestellt wurden. Das war für viele Menschen zu viel des Guten – oder des Schlechten, je nachdem, wie man es sieht. Bei The L Word wurde vor allem kritisiert, dass es hauptsächlich Los Angeles der Upper Class zeigt, also vor allem reiche, hübsche Menschen abbildet, was mit der Realität der meisten von uns nur wenig zu tun hat. Trotzdem muss man sagen, dass Queer as Folk zum ersten Mal Heterosexismus thematisiert hat und queere Subkultur. The L Word hat zum ersten Mal realistischen lesbischen Sex dargestellt und Lesben eine eigene Identität gegeben. Bei aller Kritik muss man das anerkennen.

Was gab es überhaupt für Themen bei Queer as Folk und The L Word? Ich habe einige zusammengestellt: Lohnarbeit, Diskriminierung von queeren Menschen, Gewalt gegen queere Menschen, Kritik an Kleinfamilien und an monogamen Beziehungen, Kritik an Stereotypen (Was wir wahrscheinlich alle kennen ist die Darstellung von Schwulen als übertrieben „unmännlich“, sehr sensibel sind, sehr expressive Gestiken und Mimiken haben.), Transidentität, Drogengebrauch (und zwar nicht nur kritisch, sondern auch positiver Gebrauch), sichtbare sexuelle queere Handlungen, aber auch soziale Ungleichheiten wie Homonegativität, Rassismus, Sexismus, und so weiter. Übrigens: Homonegativität ist das, was wir meist als Homophobie bezeichnen. Ich – und nicht nur ich – finde, dass „Homophobie“ ein schwieriger Begriff ist, allein wegen der Bezeichnung „Phobie“. Denn: Homophobie ist schließlich keine Angststörung.

Wenn wir uns nun die Fülle der Themen anschauen, wünschen wir uns vermutlich, dass alle anderen Serien, die auch Queere dargestellt haben, all das aufgegriffen und aus dem Vollen geschöpft haben. Aber was haben die anderen Serien tatsächlich dargestellt? Nun ja, vor allem monogame Beziehungen, Kinder und Kleinfamilien, stereotype Charaktere, und: Sexuelle Handlungen von queeren Charakteren werden nicht gezeigt oder wenn, dann sehr anders als heterosexuelle Handlungen. Es gibt dazu ein nettes Gedankenbeispiel: „Stellt euch mal zwei Homosexuelle vor.“ Die meisten denken an: Männer. Die wenigsten denken an Lesben. Und genau diese Unsichtbarkeit von Lesben kann man auch in den queeren Serien erkennen. Es gibt doppelt so viele Cis-Männer wie Cis-Frauen – ganz zu schweigen natürlich von genderqueeren oder transidenten Menschen. „Cis“ ist übrigens das Gegenteil von Trans, also Menschen, die z. B. als Frau geboren bzw. zugeordnet werden und sich auch als solche identifizieren.

Was erwartet mich, wenn ich den Fernseher anschalte und queere Figuren sehe? Wenn es Männer* sind, sehen sie wahrscheinlich so aus:

Sie sind beide weiß, sie haben beide gute Jobs, haben viel Geld, und früher oder später werden sie ein Kind adoptieren oder mehrere. Was erwartet mich bei Frauen*?

Screenshot aus Glee

Diese sehen etwas anders aus: Wahrscheinlich ist eine von ihnen nicht weiß, und wahrscheinlich ist eine von ihnen nicht lesbisch, sondern bisexuell. Bisexualität ist in Fernsehserien ein typisch weibliches Phänomen.

Queere Figuren erobern immer mehr Serien. Es gibt kaum eine Sendung, die es sich erlauben kann, keine queere Figur darzustellen, zumindest am Rande. Was ist dabei die Taktik der Macher_innen der Serien? Queers – if you can’t beat them… domesticate them. Zähme sie mit gutbezahlten jobs, in monogamen Beziehungen, in Kleinfamilien, sexlos und stereotyp. Queer as Folk und The L Word haben versucht, heteronormative Strukturen zu dekonstruieren. Sie haben Gewalt gegen queere Menschen thematisiert, Monogamie kritisiert. Sie haben gezeigt, dass Geschlecht nicht naturgegeben ist. Identitäten sind auch nicht naturgegeben, sie sind alle kulturell konstruiert. Allerdings haben die meisten anderen Serien von den genannten Ansätzen bisher recht wenig aufgenommen. Man könnte ein Fazit ziehen, das lautet: Queere Figuren? Ja, gern. Aber nur, wenn sie harmlos sind.

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