Januar 14

Im nächsten Leben werd ich Astronautin

Das Anstrengendste an meiner Dr-Arbeit ist nicht etwa die Recherche, die Auswertung oder das Schreiben. Nein, das Schlimmste ist, wenn ich mit Personen, die nicht meinem direkten sozialen Umfeld entsprungen sind, über meine Diss rede. Ich überlege manchmal schon, mir einfach irgend einen Beruf auszudenken, den ich dann sage, vielleicht: „Ich bin Zahnarzttechnikerin.“ Das wäre so schön. Aber nein, ich sage meist die unschöne Wahrheit: „Ich schreibe gerade meine Dr-Arbeit.“ Meist wird dann interessiert gefragt, worüber ich denn schreibe. Und ich antworte: „Über amerikanische Fernsehserien. Ich untersuche, wie sich die queeren Charaktere in den letzten 20 Jahren verändert haben.“ (Manchmal erkläre ich noch das Wort „queer“, meist grob vereinfacht mit: „nicht-heterosexuell“.) Tja, und dann: All hell breaks loose! Zum Beispiel so:

Schnell über die eigene heterosexuelle Beziehung sprechen.
Er so: „Das ist ein tolles Thema! Meine Freundin guckt immer Shopping Queen!“
Oder auch sie so: „Oh! Ich hab meinem Freund ja neulich die ersten beiden Staffeln von Lost geschenkt.“
Was soll mir das sagen? „Ich bin übrigens heterosexuell“? Mir war auch nicht klar, dass die Erklärung meines Diss-Themas eine krasse sexuelle Anmache ist, die sofort abgeblockt werden muss. Ich untersuche übrigens weder Lost noch Shopping Queen. Obwohl ich Lost sehr mochte. Hilft das unserer Unterhaltung? Hm.

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Einfach mal wild Serien raten.
„Schreiben Sie auch über Dallas?“
Na klar. Ich weiß gar nicht, auf welche der zig queeren Charaktere in Dallas ich mich als erstes stürzen soll. Like not.

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Kann ja nicht sein!
„Na, da gibt’s ja gar keine, oder?!“
Nee, gar nicht. Ich schreib nämlich 250 Seiten über Dinge, die es gar nicht gibt! Weil ich es kann. Und wenn ich dann doch ein paar der Serien aufzähle, die ich untersuche, kommt meist sowas: „Die kenn ich gar nicht! Aber ich guck auch ganz selten nur Fernsehen.“ Jipp. Ich mache das jetzt auch immer so: Dingen, mit denen ich mich nie beschäftigt habe, sofort mal die Existenz absprechen.

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Nur die Norm ist objektiv.
„Ach spannend, aber kannst du als Betroffene überhaupt objektiv darüber schreiben?“
Nein nein, das können nur Heterosexuelle. Über Rassismus können auch nur Weiße wissenschaftlich schreiben, und über vegane Ernährung können nur Fleischesser_innen urteilen… Darf ich mich jetzt bitte schlimm über das Wort „Betroffene“ aufregen? Aber schön, dass Heterosexuelle offenbar nicht von „Gendernormen“ betroffen sind.

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Eine sexistische Anekdote ist doch nie verkehrt.
„Und haben Sie dafür auch Soziologie studiert? Ich hatte das in meiner Ausbildung, am schlimmsten war Statistik! Da saß ich als einziger Mann im Kurs mit 10 Frauen, denen ich das dann alles erklären musste.“
In welcher Welt freut sich denn eine queere Medienwissenschaftlerin über sexistische Allgemeinplätze?? Bei einigen dieser Geschichten glaube ich, dass die Leute mir eigentlich eine tolle genderrelevante Geschichte erzählen möchten, die aber leider so durchgeknallt weitergeht, dass ich nicht mal weiß, wo ich anfangen soll, um das alles zu dekonstruieren. Ich hab halt auch nicht so viel Zeit, und gleich läuft die Wiederholung von Buffy. Ich muss weg.

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Ist doch alles Pillepalle.
„Und was macht man dann damit?“
Wohl die beliebteste Frage an Leute, die studieren – vor allem, wenn es Fächer sind, denen nicht sofort ein entsprechender „realer“ Beruf zugeordnet werden kann. Gern auch mal so geäußert:
„Aber für das Berufsleben kannst du damit nichts anfangen, oder?“
Ich fang jetzt nicht mit Kritik an neoliberaler Verwertungslogik an, nein, nein. Ach, die Dr-Arbeit ist halt mein privates Vergnügen. Ich wollte 3 Jahre lang einfach mal sinnlosen Mist machen und nicht mehr dauernd vor Mittag aufstehen müssen.

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