queer_sehen

unsichtbar rosa (der rosa weihnachtsmarkt in frankfurt/main)

zum ersten mal gibt es in diesem jahr einen „schwul-lesbischen weihnachtsmarkt“ namens rosa weihnacht in frankfurt am main. aber warum, wieso, mit welchem anspruch? mein erster gedanke war: aha, ein schwuler weihnachtsmarkt, aneignung bzw. positive umdeutung der farbe rosa. ausgerechnet die farbe rosa zu nehmen wäre zB für lesben eher ungewöhnlich. aber es scheint ja durchaus um schwule und lesben zu gehen, das behaupten zumindest verschiedene zeitungsartikel und andere quellen im internet [1]. und warum auch nicht? in anderen städten gibt es ja schließlich auch LGBTI-weihnachtsmärkte, zB in köln die christmas avenue, in hamburg die winter pride und in münchen pink christmas.

mein zweiter gedanke kam, als ich den rosa weihnachtsmarkt dann tatsächlich sah: eingeklemmt zwischen roßmarkt und korbmarkt. bisher wusste ich nicht, dass dort überhaupt noch weihnachtsmarkt ist, vielleicht ist in diesem jahr dort auch zum ersten mal einer, ich weiß es nicht. er ist zweimal um die ecke weg vom bisherigen weihnachtsmarkt zwischen römer und hauptwache. sichtbarkeit scheint schon mal kein anliegen des rosa weihnachtsmarktes zu sein. aber worum geht es dann?

mögliche gründe für einen queeren weihnachtsmarkt, die mir bisher eingefallen sind:

  • sichtbarkeit. zeigen, dass es auch LGBTI gibt, sogar auf weihnachtsmärkten, dass mensch sie sonst nur nicht unbedingt wahrnimmt.
  • anti-diskriminierung. einen idealerweise diskriminierungsfreien raum schaffen. in allen bereichen unseres lebens gibt es diskriminierung gegen LGBTI. eine raum zu schaffen, dessen anspruch explizit als gewalt- und diskriminierungsfrei formuliert wird, wäre eine schöne idee. ob diskriminierung nun gerade auf dem weihnachtsmarkt virulent ist? sicher nicht mehr und nicht weniger als im rest des alltäglichen lebens. wir sind alle schon so abgestumpft vom heterosexistischen mist, der uns permanent umgibt. was machen da ein paar glühweinbetrunke, grenzüberschreitende menschen mehr oder weniger aus? andererseits darf mensch auch nicht die raumaneignung als politisches mittel unterschätzen.
  • rosa. die farbe rosa positiv anzueigen als umdeutung des nationalsozialistischen rosa winkels. oder auch, um die farbe aus dem typisch mädchenhaften nicht-ernstnehm-image herauszuholen.

zumindest online fand ich keinen hinweis darauf, dass sich die rosa weihnacht auf diese gründe beziehe. sondern? was für einen anspruch hat die rosa weihnacht denn? in allen artikeln wird erstmal betont, dass die rosa weihnacht nicht nur für schwule und lesben ist, zB so:

Der Abschnitt mit etwa 15 Ständen sei aber nicht nur der angesprochenen Zielgruppe vorbehalten, sagte der Geschäftsführer der Tourismus+Kongress GmbH Frankfurt, Thomas Feda. […] Auch Besucher außerhalb der Zielgruppe sollen dort willkommen sein. [2]

oder auch so:

Ausdrücklich richtet sich das Angebot der Buden an Homosexuelle. Was nicht heißt, dass andere nicht willkommen sind. ‚Im Gegenteil‘, betont Organisatorin Claudia Bubenheim. [3]

es wäre ja auch absurd, den platz abzuriegeln und nur schwule und lesben dort reinzulassen, dachte ich mir beim lesen. straßenfeste sind doch nie in solcher weise exkludierend. das angebot richte sich „ausdrücklich an homosexuelle“, aber nicht nur. welches angebot ist eigentlich gemeint? also mal weiterlesen:

Seichter Weihnachts-Pop trällert aus den Boxen, bei Feuerzangenbowle und Glühwein wärmen sich fröstelnde Besucher und vertreiben die klirrende Kälte aus den Gliedern. Es riecht nach gebrannten Mandeln und süßen Crêpes. An den Buden preisen Händler ihren Weihnachtsschmuck an. Alles ist etwas beschaulicher, etwas ruhiger als beim großen Nachbarn auf dem Römerberg. [3]

eigentlich also wie der rest vom weihnachtsmarkt, nur „beschaulicher, etwas ruhiger“, schwule und lesben sind ja schließlich für ihre friedlichkeit bekannt, gerade das wort „beschaulich“ lese ich in queeren zusammenhängen immer wieder (nicht?). aber wo ich grad ganz unbedacht das wort „queer“ schreibe – wer ist noch mal die zielgruppe der rosa weihnacht? ach ja, schwule und lesben. neulich habe ich erst wieder einen vortrag dazu gehört, dass in artikeln über LGBTI sehr gern das wort „schwul“ benutzt wird, „lesbisch“ nur, wenn es gar nicht anders geht und bi-/pansexuell, intersexuell oder transident ist praktisch nie zu lesen. vielleicht in eher pathologisch ausgerichteten artikeln.

also zuckerkram und alkohol wie auf weihnachtsmärkten üblich. nur gibt es im rosa viertel noch „Getränke mit dem Namen Pinky und Pinky Deluxe – Rosé Sekt oder Rosé Champagner“ [6]. für ein show-programm war laut claudia bubenheim die zeit zu knapp, aber „Für Musik ist gesorgt: ‚Wir spielen moderne Weihnachtslieder.’“ [6]. das wird ja immer subversiver. einerseits also ruhig und beschaulich, interpretieren andere artikel den pinken weihnachtsmarkt eher als versuch, die langeweile zwischen gebrannten mandeln und schlechtem glühwein zu bekämpfen:

Der Frankfurter Weihnachtsmarkt wagt sich 2012 ein wenig in die Jetztzeit. Zur Eröffnung am Montagabend sang Soul-Barde Andreas Bourani und Pink Christmas gibt es ja jetzt auch. [5]

wie der titel des artikels schon sagt: alles etwas poppiger. so wie der frankfurter csd von den hess_innen als ein sommer-karneval wahrgenommen wird, ist der rosa weihnachtsmarkt also die bunt glitzernde zuckerwatte neben den immergleichen, trockenen bethmännchen.

besonders wirr in diesem gedankenzusammenhang fand ich die seite vom christlichen medienmagazin. dort gab es auch einen artikel über die rosa weihnacht in frankfurt, in dem die freien wähler frankfurt zitiert werden, die gegen das schwul-lesbische treiben auf dem weihnachtsmarkt protestieren [4]. muss man aber eigentlich auch nicht unbedingt lesen (jesus bla bla, dessen leben, lehre, tod und wiederauferstehung, bla, christentum, sonst gäbe es kein weihnachten, wie wir es kennen, bla, wir irdischen sünder und jesus, der für uns gestorben ist, und so).

aber was hat es denn nun mit der rosa farbe auf sich? doch noch ein politisches anliegen? pink christmas konnte die rosa weihnacht nicht genannt werden, da dies offenbar teuer ist (urheberrecht und so) [6]. war rosa bloß the next best thing?

In der Tat: Rosa dominiert, sei es als Farbe der Buden oder in der Arbeitskleidung der Barkeeper. In den Medien werde das als homosexuelles Klischee verstanden und falsch gedeutet, bedauert Bubenheim. Dabei habe sie bloß ein gutes Motto gesucht. Rosa, sagt sie, sei einfach eine tolle Farbe. Hätte sie ein Zeichen für Schwule und Lesben setzen wollen, rein hypothetisch, hätte sie wohl bunte Regenbogenfarben gewählt. ‚Und das passt ja nun wirklich nicht zu Weihnachten‘, erklärt Bubenheim entschieden. [3]

rosa ist also einfach eine tolle farbe. aber wenn sich regenbogen und weihnachten offenbar so ganz selbstverständlich ausschließen, gilt das dann nicht auch für LGBTI und weihnachten? dürfen wir bei diesem christlich-heidnischen fest trotzdem mitfeiern? und wenn claudia bubenheim kein zeichen für schwule und lesben setzen will, wie sie selber sagt, was will sie dann mit ihrer rosa weihnacht bezwecken?

die FR zitiert zwei „transvestiten“ (sic!), die auf dem weihnachtsmarkt für die AIDS-hilfe sammeln und über diskriminierung im frankfurter alltag berichten. daraus zu schließen, dass sich die rosa weihnacht solidarisch mit LGBTI und gegen diskriminierung positioniert, wäre gewagt. äußerungen der veranstalter_innen über diskriminierung oder heteronormativität habe ich jedenfalls vergeblich gesucht. da finden sich eher argumente „kaufmännischer natur“:

Die Regenbogen-Area beim Mainuferfest beispielsweise erfreut sich seit Jahren großen Erfolgs. Es gebe in der Szene ein sehr treues Stammpublikum, sagt Bubenheim. Mit guter Qualität und einer weihnachtlichen Atmosphäre wolle sie dieses jetzt auch auf den Weihnachtsmarkt locken. [3]

seufz. vielleicht werden die einnahmen ja wenigstens für den frankfurter csd gespendet, der zwar auch nicht grad durch kritisch politischen anspruch glänzt, aber besser als nichts. auf dem rosa weihnachtsmarkt selbst sieht man jedenfalls keinen hinweis darauf, dass dort eine anlaufsstelle für LGBTI sein soll. wer nicht gerade weiß, was es mit der rosa dominanz auf sich hat, geht dort hin, trinkt einen glühwein, amüsiert sich über den „tuckigen“ weihnachtsbaum und geht wieder. im prinzip alles wie immer, nur mit viel rosa.

[1] http://www.xtremeties.de/pink-christmas/index.php
[2] http://www.fr-online.de/frankfurt/frankfurt-weihnachtsmarkt-weihnachten-wird-pink,1472798,20908398.html
[3] http://www.fr-online.de/frankfurt/weihnachtsmarkt-frankfurt-budenzauber-ganz-in-pink,1472798,21022974.html
[4] http://www.pro-medienmagazin.de/nachrichten.html?&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=6033
[5] http://www.fr-online.de/frankfurt/weihnachtsmarkt-frankfurt-e-bissi-poppiger,1472798,20971396.html
[6] http://www.extratipp.com/nachrichten/regionales/rhein-main/schluss-stiller-nacht-weihnachtsmarkt-wird-rosa-schrill-2634478.html

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