queer_sehen

try this at home?!

[ trigger-warnung, häusliche gewalt ]

erstaunlich wenig kritische reaktionen hat das neue video „try“ [1] von p!nk hervorgerufen. ganz im gegenteil überschlagen sich nur so die begeisterten kritiken. es ist die rede von einem „emotionsgeladenen song“, p!nks „akrobatischem hin und her mit einem unbekannten schönen“ und von „ihrem kaum verhüllten körper“. gelobt wird ihre beeindruckende „körperbeherrschung“, ihr fitnesskörper, dass sie „bunt, sexy und stark“ wirke, „sexy und akrobatisch“. sowieso scheinen sex bzw sexy die am häufigsten gebrauchten worte in den texten zu sein. es ist von einem „sexy kampf“ die rede, bei dem „pink ihren videopartner erotisch-dynamisch nach oben stemmt“. spätestens beschreibungen wie „eine mischung aus gewalt, sex und kampf“ sollten nachdenklich stimmen.

p!nk twitterte dazu neulich: „making this video was the most fun I’ve ever had in my entire career. I never wanted it to end. it’s my favorite video ever.” und auch in englischsprachigen reaktionen findet sich offenbar keinerlei kritischer blick. das video zeige „just how physically strong, and acrobatic she truly is.“ „epic!“ „the physical expression of battle between men and women“ wird erkannt, p!nk als „powerful, artistic and straight passionate“ beschrieben. immerhin fällt der begriff „sexualized violence“, jedoch auch ganz ohne problematisierung. ein_e redakteur_in vermutet gar: „p!nk gives insight to what her sex life with husband carey looks like!“ wenn das tatsächlich wahr ist, sollten wir an dieser stelle dringend soziale beratungsstellen, behörden, selbsthilfegruppen oder diverse aufklärungsbücher hinzuziehen.

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© Alecia Beth Moore (Pink)

der tanz, den die beiden im video aufführen, nennt sich „apache dance“. basierend auf pariser straßengangs sollte er anfang des 20. jahrhunderts ursprünglich eine auseinandersetzung zwischen zuhälter und prostituierter darstellen, beinhaltet mehr oder weniger harte (imitierte) schläge, der tänzer wirft die tänzerin auf den boden oder hebt sie hoch in die luft [2]. oder wie es auf einer website zum thema ausgedrückt wurde „that’s the dance where the sleazy boyfriend beats up his prostitute girlfriend because she won’t share her money with him.“ [3]

p!nks video hat mich gleich auf mehreren ebenen erschüttert. mal ganz abgesehen davon, dass ich p!nk immer ganz gern mochte. richtig gut fand ich zB „sober“ [4] und „stupid girls“ [5], auch was die texte angeht. von der scharfsinnigkeit und selbstironie von früher ist in „try“ nichts mehr zu erkennen. so beginnt der text:

ever wonder about what he’s doing? / how it all turned to lies / sometimes I think that it’s better to never ask why / where there is desire, there is gonna be a flame / where there is a flame, someone’s bound to get burned / but just because it burns, doesn’t mean you’re gonna die / you’ve gotta get up and try try try…

allein wenn ich so sätze höre wie „sometimes I think that it’s better to never ask why“, bekomme ich eine gänsehaut. lieber nicht hinterfragen, was wahr und was gelogen ist, und lieber nicht überlegen, was eigentlich mit der beziehung zu der anderen person nicht stimmt. und: wo begehren oder sehnsucht ist, da ist nun mal auch feuer. und die flamme kann schon mal die eine oder den anderen verbrennen. aber (ver)brennen heißt nicht gleich sterben. du musst aufstehen und es noch mal versuchen, versuchen, versuchen. aha. den schmerz aushalten, trotzdem noch mal vom boden aufrappeln, aufstehen und bloß nicht aufgeben. wenn das nicht antiaufklärerisch und ein aufruf zum bleiben in ungesunden strukturen ist, dann weiß ich es auch nicht.

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© Alecia Beth Moore (Pink)

an dieser stelle kommt dann gern der hinweis auf den „apache dance“, schließlich sei dies ein alteingesessener tanz, sozusagen ein „kulturgut“, das nunmal so sei wie es ist. aber patriarchale strukturen kann man schließlich ganz allgemein als „kulturgut“ bezeichnen, trotzdem sollte man sie dringend kritisieren. selbst wenn einige artikel über das video weggehen von dem zuhälter und der prostituierten und eher vom „ewigen kampf zwischen mann und frau“ sprechen, macht es das nicht besser, eher noch schlimmer. es bekommt dadurch eine noch stärkere biologistische note, die historisch-kulturelle unterteilung der menschen in männer und frauen bekommt einen naturalistischen deckel verpasst. leidenschaft wird mit aggression gleichgesetzt, gewalt durch (hormongesteuerte?) emotionen erklärt und entschuldigt.

ob das video jetzt wirklich auf körperliche gewalt abzielt oder diese nur als symbol für emotionale kämpfe in beziehungen benutzt, halte ich für irrelevant. jegliche gewalt, die so strukturiert ist wie es das video und der dazugehörige text darstellen, sollten dringender anlass sein, nichts mehr immer wieder und ewig noch mal zu versuchen, sondern die beine in die hand zu nehmen (die eigenen, nicht die der/des tanzpartner_ins) und sich in die andere richtung wegzubewegen.

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© Alecia Beth Moore (Pink)

nicht zuletzt ist es extrem problematisch, dass das video (häusliche) gewalt als etwas sinnliches, erotisches darstellt. oder wie neulich jemand bei einem sozialen netzwerk das video kurz und knapp zusammenfasst: „domestic violence kann man auch tanzend praktizieren.“ the truth about love (so der titel von p!nks album) sieht hoffentlich für die meisten menschen anders aus.

eine feministische web-kollegin von mir hat ein lied geschrieben, das von ihrem sozialen & medialen umfeld und allen inspiriert wurde, die täglich zeug_in von dv sind und diese nicht erkennen und auch nicht handeln. freundlicherweise darf ich ihren ersten entwurf in meinen text einbinden:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=ZNVozGHIf0w]

you let happen what is happening (oh) / behind closed doors / you’re watching DV, you’re watching DV…

8 Kommentare

  1. huhu,

    danke für den beitrag, der einige punkte anspricht, die ich auch an dem video problematisch fand! ich fand insbesondere das weinende bild von pink total erschütternd, weil da offensichtlich wurde, dass es gerade nicht um „ästhetische kampfkunst“ geht.

    ich finde allerdings nicht, dass ’stupid girl‘ so’n toller song ist. ich zucke schon zusammen, wenn öffentlich von ‚den dummen mädchen‘ die rede ist und finde das niedermachen von mädchen oder frauen untereinander da auch ein bisschen teile&herrsche logik, so in der art: es gibt halt coole und dumme mädchen (dichotomien galore!)

    anyways, danke fürs analysieren!

  2. vielen dank für das feedback. bei stupid girl hatte ich noch überlegt, ob ich es als pro-beispiel nenne. das nette an dem song finde ich, dass er konsequent den „schönheitswahn“ und den extremen normierungs-wunsch kritisiert. und zwar – was ich am wichtigsten finde – auch selbstkritisch, da p!nk sich auch selbst in dem video zeigt, wie sie unzufrieden mit sich ist und ihren körper ändern möchte. ich hab es nicht als unterteilung in coole/dumme mädchen interpretiert, sondern als generelle selbstreflexion in richtung „wir frauen/mädchen sollten alle mal nachdenken, was wir hier eigentlich mit uns und unserem körper machen (lassen)“.

  3. dass sich p!nk selbst als besser darstellt sehe ich wie gesagt nicht so, sie nimmt sich da nicht aus. aber ja ok, deiner restlichen kritik stimme ich zu, es ist schon eine sehr individualistische kritik und nicht strukturell gedacht. p!nk ist halt auch keine bernadette la hengst, vl hatte ich da eh schon ne andere erwartungshaltung ;(

  4. stimmt schon. aber die kritik wird ja an ‚den dummen mädchen‘ geübt, und nicht an den scheiß normen. dieses den-eigenen-körper-bashen machen ja echt super viele frauen*, da gibt’s kein grund, andere dafür fertig zu machen und sie ‚dumm‘ zu nennen (und sich selbst dann als ‚besser‘ hinzustellen). denn die vermeintlich ‚dummen frauen‘ können ja auch erst mal nix dafür, dass sie in einer lookistischen, fat-shaming welt leben und diese auch verinnerlicht haben. ich versteh zwar den power-feminismus gedanken á la: „lasst euch nicht fertig machen, wir sind stark!“, finde den aber zu individualistisch. lieber gegen normen ansingen, als anderen ebenfalls von sexismus & lookismus betroffenen menschen zu sagen, sie wären ‚dumm‘ – denn das führt nur dazu, dass diese sich weiter gegenseitig fertig machen, als ausschliessende normen dafür zu machen.

  5. so wie ich das sehe hauen die sich beide. ich kann nicht erkennen das eine person anfängt oder gewinnt. ist wahrscheinlich so ne heterosexismusproblematik, dass man immer gleich annimmt die frau wäre schwacher part.

    man kann mit dem „aufstehen und versuchen“ auch meinen beziehungen allgemein immer wieder zu versuchen.

    interpretationen sagen mehr über die person aus die interpretiert, als über das interpretierte.

    1. interessant, dass du meinen text so gelesen hast. es ging mir gar nicht darum, wer wen „haut“ (?) und ob das alles etwas mit „schwäche“ zu tun hat. und ob das mit dem „immer wieder zu versuchen“ bezug auf eine körperliche oder emotionale/beziehungs-ebene nimmt, hatte ich ja schon im text als irrelevant ausgeführt.

      1. Ja, das find ich jetzt auch interessant. Ich habe automatisch angenommen das es dir darum ging. Wenn ich „Häusliche Gewalt“ lese denke ich immer sofort es geht darum. Blöd. Aber interessant.

        Jetzt versteh ich worum es dir geht, und vielleicht hast du recht. Man muss zwar nicht jedes Musikvideo als Lebensrat nehmen, aber wer’s tut, lässt sich hier vielleicht wirklich schlecht beraten.

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